Schreibe deinem Diabetes einen Brief

DBW2014
Dieser Beitrag ist Teil 1 von 7 in der Serie #DBW2014

Lieber Diabetes (wahlweise auch Diabetes-Sau, Diabetass, Diabetes-Monster und so weiter),

heute nach über sechseinhalb Jahren schreibe ich dir hier für die Diabetes Blogwoche einen Brief. Es war nicht alles schön mit dir, aber auch nicht alles sclecht. Ich hab in dieser Zeit sehr viel gelernt und viele Abläufe in meinem Körper ganz anders wahrnehmen können.

Die Diagnose war wohl einer der weniger schönen Momente mit dir. Du hast mir wenig Freude damit beschert, mich nur noch schlafen trinken und auf Klo rennen zu lassen und das Ganze auch noch während der Abi-Vorbereitungen. In der Schule hast du mir einige blöde Kommentare von meinen damaligen Freunden eingebracht. Manch einer meinte sogar, ich wäre ja selbst daran schuld. Kaum war ich an der Uni haben sich die Reaktionen der anderen schlagartig gewandelt. Zunächst habe ich mit einer Ingenieurswissenschaft, bei der meine Kommilitonen zwar nicht sehr viel Ahnung hatten, dennoch offen damit umgegangen sind und mich bei Unklarheiten einfach gefragt haben. Nun während meines Chemie-Studiums habe ich viele Kommilitonen kennengelernt, die zwar nicht perfekt bescheid wissen, doch zumindest die Grundlagen kennen, dass man mit Insulin den Blutzuckerspiegel (BZ-Spiegel) senkt. Komische Kommentare habe ich hier an der Uni noch nie bekommen. Ganz im Gegenteil wusste bis jetzt jeder, der mich beim Spritzen oder Messen gesehen hat, sofort, dass ich Diabetes habe.

Das schöne an dir, lieber Diabetes, ist die Community, die sich daraus entwickelt hat. Ich habe durch das Internet viele Typ1er kennen gelernt, unter anderem durch den Insulinclub, die DeDOC über Twitter und die verschiedenen Blogs. Die DeDOC ist eine super Sache, wie ich finde, denn man kann sich alles von der Seele schreiben und braucht sich keine Gedanken zu machen, dass man blöde Kommentare zu hören bekommt oder gar nicht verstanden wird.
Was ich auch sehr zu schätzen gelernt habe ist, was ich durch dich alles über meinen Körper gelernt habe. Ich habe ein Maß dafür, wie viel ich so am Tag gegessen habe (solange ich mich nicht nur komplett auf Eiweiße und Fette stütze, was bei mir nie der Fall ist), welchen Einfluss Bewegung auf meinen Stoffwechsel haben kann und was der Körper doch alles schaffen kann.

Negative Seiten gibt es an dir natürlich auch und die nehmen natürlich auch einen guten Teil meines Lebens ein. Wie schön wäre es, wenn ich mir im Labor keine Gedanken über eine mögliche Unterzuckerung machen müsste. Manchmal nervst du da ganz schön, wenn du meinst, irgendeinen Unfug anstellen zu müssen, während ich gerade mal für 15min absolut nicht aus dem Labor raus kann. Außerdem nervst du tierisch, wenn man dringend Schlaf braucht und du einen drei Stunden lang mit einer Unterzuckerung auf Trab hälst, nur um mich nach dem Aufstehen dann mit hohen BZ-Werten in die Müdigkeit zu treiben. Sehr produktiv sind solche Tage nicht, lass dir das gesagt sein. Und was man wegen dir alle mit in den Urlaub schleppen muss. War ich früher schon mit meinen Pens etwas genervt habe ich dieses Jahr festgestellt, dass ich mit Pumpe noch mehr Kram mitschleppen muss. Dafür hält sich dich allerdings auch besser im Zaum als es die Pens konnten.
Das nervigste an dir ist jedoch etwas ganz anderes: Ich kann niemals eine Pause machen. Ständig habe ich dich dabei, ob du gerade gut oder schlecht drauf bist. Egal wann und wo, ich muss bereit sein, mit einer Unter- oder Überzuckerung umzugehen, mein Essen einzuschätzen und wenn nötig den Katheter der Pumpe zu wechseln. Ja, es nervt, dennoch gibt es immer ganz viele nette Menschen, die versuchen, mich wieder zu motivieren oder die mir etwas nettes schreiben, weil die genau wissen, wie es ist.

Auf jeden Fall haben wir zusammen schon viel erlebt in der ganzen Zeit und mir war erst zu Beginn dieses Brief wirklich bewusst, wie lange ich dich eigentlich schon mit mir herum trage.

Auf dass wir in der nächsten Zeit wieder besser miteinander klar kommen als es die letzten Wochen war.

dbw

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Sebastian

Ich bin Sebastian, Blogger bei diasite.de und Typ1-Diabetiker seit Anfang 2008.

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